Kybernetik - was ist das?Kybernetik

Eine verständliche Einführung

Von stabilen und instabilen Gleichgewichten

Gelingt es unserem Ameisenvolk, jeglichen Zustand, in den es aus irgendwelchen Gründen gerät, zu stabilisieren, so spricht man von einem "indifferenten Gleichgewicht". (Auch eine Kugel auf einer ebenen Fläche befindet sich im "indifferenten Gleichgewicht" - in jeder Stellung, die man ihr gibt, bleibt sie ruhig liegen.) Ein Gegensatz dazu ist das "stabile Gleichgewicht", bei dem das System immer in einen bestimmten Zustand zurückzukehren trachtet (wie die Kugel in einer Teigschüssel, in der sie immer den tiefsten Punkt einnehmen will, egal, was man anstellt).
Solche Gleichgewichtsverhältnisse findet man bei vielen Systemen, und meist wird das "stabile Gleichgewicht" besonders geschätzt - in der Wirtschaft zum Beispiel, wo es darauf hindeutet, daß jedermann das Seine zum Wohle aller beiträgt; in der Politik, wo es darauf schließen läßt, daß alle Welt brav ihre Pflicht tut und Frieden hält; beim einzelnen Menschen, wo man einen lauteren und beständigen Charakter dahinter vermutet.
Leider aber ist unsere Erde ein Jammertal, und drum gibt es noch eine dritte Möglichkeit, das "instabile Gleichgewicht". Das droht uns zum Beispiel dann, wenn wir unsere Kugel balancierend auf eine andere Kugel legen; der geringste Anstoß wirft sie herunter. Wir finden dieses "instabile Gleichgewicht" bei den Ameisen, wenn die Königin tot ist und nicht für eine Nachfolgerin gesorgt wurde: die Tiere laufen in alle Himmelsrichtungen auseinander. Es begegnet uns bei Völkern kurz vor einer Revolution oder bei Menschen, die zu viel Bier getrunken und geschiffschaukelt haben.
Organismen, Organisationen, Tiere, Menschen, Maschinen und Systeme, die aus irgendwelchen Gründen in den Zustand des instabilen Gleichgewichts geraten, sind aufs äußerste gefährdet. Läßt sich der Zustand nicht korrigieren, so sind Tod, Zerstörung und ernste Ermahnungen die Folge.
Sehen Sie: Was wir jetzt, auf den letzten Seiten, getrieben haben, der Vergleich von Menschen, Völkern und Organisationen, mit Modellen - mit dem Ameisenhaufen oder auch mit der Kugel -, das war die reine, pure, destillierte Kybernetik, Sie erschöpft sich zwar nicht in solchen Modell vergleichen, aber sie sind wohl ihr typischstes Merkmal. Zum Beispiel kann man auch mit Hilfe ganz ähnlicher Modelle, wie wir dem Forscher Klawuttke eins angedichtet haben, das Wahlverhalten von Bevölkerungsgruppen erfassen und voraussagen - ein Spiel, das mit Hilfe eines Computers oft erstaunlich gut gelingt
Das Erhabene an der Kybernetik, das ihr einen Ehrenplatz im Herzen jedes wahren Wissenschaftlers sichert, ist, daß ihre Modelle nicht nur gegenständlichen Charakter haben (also aus Kugeln oder Nadelbrettern bestehen) oder aufs Papier gemalt sind (wie etwa die Pläne von Herrn Federle und Herrn Holzbock), sondern daß sie sich oft in exakte mathematische Formeln bringen lassen. Mag dies auch manche unserer Leser, die mit der Mathematik nicht viel im Sinn haben, treffen und erbittern (ihnen versprechen wir, uns nicht über Gebühr mit diesem Formelkram hervorzutun) - die Wissenschaft, die immer alles ganz exakt wissen will, schätzt das.
Es wäre auch durchaus möglich, unseren Ameisenhaufen mathematisch zu erfassen. Wir sagten ja schon: Jede der eingesteckten Nadeln bringt die Wahrscheinlichkeit zum Ausdruck, mit der sich in der betreffenden Zone so und so viele Ameisen aufhalten. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung aber ist mathematisch festgelegt. Auf diese Weise könnte man unseren Ameisenhaufen also in eine Formel bringen. Sie wäre nicht gerade von der einfachen Form x = 2 ab + y2 , sondern einige hundert, vielleicht sogar Tausende von Ziffern und Zeichen lang. Aber immerhin: man könnte sie mit Papier und Bleistift festhalten.
Auf die gleiche Weise könnte man auch jeden anderen Ameisenhaufen in eine Formel bringen. Natürlich würde sich bei jedem Ameisenvolk eine etwas andere Formel ergeben - etwa so, wie sich die mathematischen Formeln von kleinen und großen Kreisen und Ellipsen unterscheiden. Aber es wird unter den Ameisenhaufen - wenn man nur genügend viele erfaßt - gewiß etliche geben, die ähnliche Formeln zeigen und sich dadurch zu Klassen zusammenfassen lassen.
An dieser Steile müssen Sie, lieber Leser, sich bitte folgendes vergegenwärtigen: Auch diese mathematischen Formeln sind jeweils ein Modell im kybernetischen Sinn. Und wenn eine Reihe von Ameisenhaufen die gleiche - oder zumindest eine ähnliche - mathematische Formel hat, so trifft ein mathematisches Modell auf eine Reihe verschiedener Ameisenhaufen zu.
Eben das ist einer der besonders faszinierenden Aspekte der Kybernetik: Obwohl wir von den individuellen Antrieben der einzelnen Ameisen keine Ahnung haben; obgleich wir nicht wissen, welche Gefühle und Stimmungen (und ob überhaupt Gefühle und Stimmungen) sie bewegen; auch wenn uns, was die klassische Biologie immer behaupten mag, über die Einteilung in Arbeiter, Soldaten und andere Ameisenberufe nichts Exaktes vorliegt; obwohl also der Ameisenhaufen für uns ein komplexes, völlig undurchschaubares System ist - wir vermögen es auf dem Wege über seine Struktur zu studieren und wir könnten uns sogar ein Modell davon machen, das für viele andere Ameisenhaufen Gültigkeit hat.
Eine Pflicht haben wir allerdings bei jeder solchen Untersuchung, und in der Kybernetik vielleicht noch mehr als bei anderen Wissenschaften: Wir müssen uns von vornherein ganz klar darüber sein, was wir untersuchen wollen und wo die Grenzen zu ziehen sind. Denn davon hängt es ab, wie die Struktur sich herauskristallisiert und welchen Grad von Brauchbarkeit unser Modell erreicht. Das Modell zum Beispiel, mit dem wir uns nun die ganze Zeit beschäftigt haben, sagt nur etwas über die Fluktuation der Ameisen im Haufen und in seiner Umgebung aus. Wollen wir andere Fragen untersuchen - etwa die Varianten der Fortpflanzung oder die Technik der Nahrungsmittelversorgung oder die soziologische Gliederung (die bei den Ameisen zweifellos vorliegt), so müssen wir anders vorgehen, mit neuen Strukturen arbeiten und uns weitere Modelle ausdenken.
Das Hauptanliegen der Kybernetik ist es, Strukturen zu finden, die einander ähnlich sind, die sich vergleichen lassen, die - so sagt man - einander isomorph sind. Denn isomorphe Strukturen lassen sich mit einem und demselben Modell darstellen. Zum Beispiel könnte es gut sein, daß unter gewissen Bedingungen das Verhalten einer Stadtbevölkerung, die Reaktionen des Ameisenvolks und die Bewegungen von chemischen Teilchen in einer Flüssigkeit ähnliche Struktur zeigen: daß sie also einander isomorph sind und sich an einem Modell deutlich machen lassen.

↑ Zum Seitenanfang