Kybernetik - was ist das?Kybernetik

Eine verständliche Einführung

Von Einflußbahnen und Organisationsschemata

Während er so zeichnet, überfällt ihn ein erheiternder Gedanke. Ihm wird klar, daß der Organisationsplan zwar offiziell, aber eigentlich ganz und gar unvollständig ist. Da gibt es ja noch ganz andere und vielleicht viel wütigere Verbindungslinien innerhalb der Vereinsleitung. Frau Fisling zum Beispiel... Natürlich! Frau Fisling, die Frau des schmächtigen Notenwarts. Sie ist eine imposante Erscheinung, ferner die Vertrauensmännin des Soprans, vor allem aber der Meinung, es sei längst an der Zeit, daß ihr Mann zum Ersten Vorsitzenden dieses Vereins werde.
Da Herr Fisling sich durch nichts auszeichnet als durch eine stille, treue Zuneigung zum Verein und zum Steinhäger, hätte er in offener Feldschlacht wenig Chancen gegen, den amtierenden Vorsitzenden. Frau Fisling ahnt das mit der ihr eigenen Intuition. Deshalb verfolgt sie die Taktik, gegen den Vorsitzenden zu intrigieren, wo es eben geht. Es geht vor allem unter ihren Sangesschwestern vom Sopran.
Dort singt auch Frau Schreier. Die wiederum, ist der festen Ansicht, daß ihr Mann, der Herr Schreier, den idealen Ersten Vorsitzenden abgäbe. Ohne die verwegenen Ziele der Familie Fisling zu durchschauen, trägt Frau Schreier alle Häßlichkeiten, die Frau Fisling verbreitet, liebevoll und eifrig zu ihrem Mann. Und der ist es dann, der im weiteren Sangesvolk - bei Gelegenheit auch in öffentlicher Rede - gegen den Vorsitzenden schürt.
Im Sopran jedoch singt auch Frau Lämmlein, die Frau des Dirigenten. Ihr ist das Intrigenspiel von Herzen zuwider. Erstens überhaupt und zweitens, weil es den Seelenfrieden ihres Mannes, des Dirigenten, stören könnte. Der nämlich ist des festen Glaubens, daß nur in einem brüderlich geeinten Vereine das deutsche Liedgut gedeihen könne. Jede Störung dieses schönen Traumbilds verletzt ihn tief, und das will Frau Lämmlein nicht.
Darum trägt Frau Lämmlein alles, was ihrem Herzen widrig erscheint, zu ihrem Bruder, dem Schreiner Holzbock, der als Beisitzer auch zum Vorstand gehört. Das ist ein kreuzbraver Mann, der das Intrigenspiel haßt. Darin weiß er sich ganz einig mit seinem Freunde, dem Vereinskassenwart Brüllmann.
Freund Brüllmann aber hat, und das ist ein Lichtblick, guten und besänftigenden Einfluß auf Herrn Schreier, mit dem er sich in der Firma Brüllmann & Schreier, Miederwaren, geschäftlich eng verbunden fühlt. Und so gelingt es den guten und liebevollen Strömungen, die von Frau Lämmlein über die Herren Holzbock und Brüllmann auf Herrn Schreiers revolutionäres Wesen einwirken, zuweilen, das Schlimmste zu verhüten.
Es bringt erstaunliche Resultate, wenn, man diese Einflußbahnen in das Organisationsschema einzeichnet, und Herr Federle tat es mit großem Vergnügen am neuen Spiel:

Kybernetik Organisationsschema

Man ersieht aus diesem Schema sehr einleuchtend, wie das häufig so rätselhaft schwankende Wesen von Herrn Schreier zu erklären ist; warum er zuweilen tödlichen Zorn an seinen Ersten Vorsitzenden wendet und weshalb er zu anderen Zeiten eher der Toleranz und Sanftmut zuneigt. Hat der Einfluß der Verbindungslinie Fisling - Frau Fisling - Frau Schreier - Schreier die Oberhand (etwa weil Frau Lämmlein aus angeborener Sanftmut nichts unternimmt oder weil Herrn Holzbock das ganze Theater zum Halse heraushängt), dann setzt Herr Schreier seinem Vorsitzenden schrecklich zu.
Ist aber die andere Linie (über Frau Lämmlein - Herrn Holzbock - Herrn Brüllmann) fleißiger am Werk, so neigt Herr Schreier zur Menschenliebe sogar seinem Vorsitzenden gegenüber - ein Tatbestand übrigens, der bei Frau Schreier, die von der Gegenströmung nichts ahnt, unfehlbar zur Migräne führt. Also Donnerwetter nochmal! denkt Herr Federle, nachdem, er mit seinem Einflußplan soweit vorgedrungen ist. So hängt das alles zusammen! Und er knobelt sogleich weitere Einflußbeziehungen aus. Das wird ihn bis zum Schluß der Rede seines Vorsitzenden beschäftigen.

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