Kybernetik - was ist das?Kybernetik

Eine verständliche Einführung

Von Masse, Energie und Information

Steuerung ist ohne Information nicht möglich. Diese lapidare und völlig logische Erkenntnis hat man erst in den letzten Jahrzehnten so recht begriffen. Und da die Existenz alles Lebenden auf dieser Erde (und vieler lebloser Dinge dazu - denken Sie an den Kompaß und das elektrische Licht!) von Steuerungsvorgängen abhängig ist, sind Information und Informationsübermittlung eine Grundvoraussetzung für jedwedes Leben.
Sie ist damit auch - und das haben erst die Kybernetiker so richtig erkannt - die Vorbedingung für jedes System, für jegliche Struktur. Das bedeutet, wenn man konsequent weiterdenkt, daß Information eine Grundbedingung für jedwede Ordnung ist - für die Rangordnung im Gesangverein ebenso wie für das Gleichgewicht in Politik und Wirtschaft oder für den reibungslosen Ablauf der Fertigung in einer Fabrik für automatische Zahnstocher.
Auch für die Ordnung im Ameisenhaufen ist Informationsaustausch die Voraussetzung, selbst wenn wir keine Ahnung haben, wie er zwischen den Ameisen vonstatten geht. Es ist nicht einmal abwegig, hinter dem Zustandekommen einer chemischen Verbindung im Reagenzglas oder dem Entstehen einer sternförmigen Schneeflocke das Wirken von Informationsabläufen zu sehen. Hier handelt es sich zwar nur um einen stereotypen, unflexiblen Informationsaustausch, der die Elemente zu einer neuen Verbindung oder die Eiskristalle zur Gestalt eines Sterns gruppiert, gewiß. Aber er läßt sich ohne Schwierigkeiten nachweisen. Stört man den Informationsfluß (etwa durch Kühlung beim chemischen Experiment, durch Hitze bei der Schneeflocke), so wird weder aus dem Versuch noch aus dem Schnee etwas.
Vorhin erzählten wir Ihnen, daß viele Wissenschaftler heute neben den zwei klassischen Urformen des Kosmos - Masse und Energie - eine dritte sehen, die Ordnung der Struktur. Jetzt müssen wir nachtragen, daß andere gerne das Prinzip "Ordnung" durch den dahinterstehenden Begriff "Information" ersetzt sehen möchten, also eine Dreiteilung "Masse/Energie/Information" vorschlagen.
Wir, die Autoren dieses Buches, möchten uns da den Informationosophen anschließen, denn wir meinen, daß Ordnung und Struktur in Wirklichkeit erst entstehen, wenn Materie und Information gleichzeitig auftreten, und daß zur Informationsübermittlung häufig auch noch Energie vonnöten ist - aber diese Griffelspitzerei interessiert Sie wahrscheinlich nicht so sehr.
Womöglich glauben Sie uns überhaupt noch nicht, daß die Information eine so wichtige Rolle spielt. Bitte, denken Sie an irgendein ganz alltägliches System! Vielleicht an eine Fabrik, die Kochtöpfe herstellt? Hier haben wir das Organisationsschema dieses Werkes aufgezeichnet - nicht ganz vollständig, gewiß, aber für unseren Zweck ausreichend genau.

Kybernetik - Organisationsschema

Man sieht sehr schön, wie von einer Abteilung zur anderen ein Informationsfluß stattfindet: Von der Direktion aus Befehle und Anweisungen, außerdem zwischen den einzelnen Abteilungen hin- und hergehende Laufzettel mit Tatbestandsmeldungen, Aufträgen und statistischem Material. Wir sagten schon: Die Wirklichkeit ist komplizierter, weil den Menschen die Fähigkeit zur Perfektion in bedauerlichem Maße mangelt. Darum gibt es außerdem noch Rückfragen, Mahnungen, Konferenzen und böse Briefe. Auf jeden Fall ist das System "Fabrik" nur durch ständigen Informationsaustausch in Gang zu halten. Ferner ist sicher, daß mit der fortschreitenden Modernisierung der Informationstechnik solch eine Fabrik immer leistungsfähiger wird. Solange der Chef noch jeden Abteilungsleiter durch Boten zur Besprechung holen und die Verkaufsabteilung der Buchhaltung den Versand von drei Kisten Töpfen durch kalligraphisch handgeschriebene Dossiers melden mußte - solange war die Firma noch ziemlich unbeweglich. Heute greift der Direktor zum Telefonhörer, heute gehen die Meldungen von der Verkaufsabteilung zur Buchhaltung über Lochkarten vor sich.
Diese verbesserten Informationsmöglichkeiten erlauben der Firma, schneller zu reagieren - schneller vielleicht als die Konkurrenz. Und das ist, wie nicht nur die Fabrikanten von Kochtöpfen wissen, sehr wichtig. Schnelle Weiterleitung von Informationen, schneller Zugriff zu gespeicherten Informationen, zu Statistiken, Kontoständen oder Kundenadressen sind heute so wichtig wie gute Rohstoffe und präzise arbeitende Maschinen.
Und noch etwas sieht man am Modellbild unserer Fabrik: Ungestörter Lauf der Information ist für die Ordnung des Systems einfach unerläßlich. Ein Kurzschluß im Haustelefonnetz oder ein Defekt in einer Lochkartenmaschine kann den ganzen Betrieb auf Tage hinaus in lebensgefährliche Lähmung versetzen.
In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Wissenschaft sehr lebhaft mit dem Phänomen "Information" beschäftigt. Man hat eine Maßeinheit festgelegt, das "bit" das als das kleinste, nicht mehr teilbare Informationsquant bezeichnet wird. Wenn eine Frage mit ja oder nein beantwortet werden kann, so ist dieses "Ja" oder "Nein" eine Information, die knapper und sparsamer nicht mehr gegeben werden kann: Sie beträgt ein bit.
Gelehrte Köpfe haben den Informationsgehalt von Nachrichten aufs Bit genau ermittelt, andere wissenschaftlich Bemühte haben dasselbe mit Rembrandts "Nachtwache" und Mozart-Menuetten versucht, ohne dabei allerdings sehr weit zu gedeihen.
Auf jeden Fall hat die wissenschaftlich-theoretische Untersuchung des Informationsbegriffs viel Praktisches erbracht. Man erkannte schnell, daß man mit den Möglichkeiten moderner Informationsübertragung die Größe eines Systems ins Riesenhafte ausdehnen kann. Telefon und Fernsehen schaffen heute schon kybernetische Steuersysteme, die sich über Kontinente ausdehnen. Und das atomare Gleichgewicht zwischen Ost und West wird zum Teil dadurch gesichert, daß es den "heißen Draht" zwischen Washington und dem Kreml gibt, über den notfalls durch die wechselseitigen Steuerimpulse eines Gesprächs die ins Wanken geratene Balance wiederhergestellt werden kann.
Ein Bataillon, das keine Verbindung mehr zum Generalstab hat, irrt wie blind umher. Ein kybernetisches System, in dem die Informationsleitungen unterbrochen werden, erstarrt oder treibt ins Chaos. Es ist kein Zufall, daß Einzelhaft, also das brutale Abschneiden zahlreicher Informationslinien eines Individuums, zu den härtesten Strafen zählt.

Kybernetik

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