Kybernetik - was ist das?Kybernetik

Eine verständliche Einführung

Von Automaten und Maschinen

Und damit wird es eigentlich Zeit, liebe Leser, daß Sie weitere Bedenken gegen die maschinenorientierte Denkweise anmelden. Der erste Einwand richtete sich gegen die maschinelle Konkurrenz. Der Mensch wird durch Automaten ersetzt. Was wird aus dem Menschen?
(Unsere Antwort: Wenn die Menschen klug sind, wird aus ihnen ein höchst vergnügtes Arbeitgebervölkchen, das seine Maschinen gut behandelt und sich von ihnen ernähren läßt. Wenn die Menschen dumm sind, wofür manches spricht, lassen sie es zu, daß etliche Gewitzte unter ihnen die Übrigen sozial ganz tief einstufen - noch unter die Maschinen. Aber das ist dann keine Frage der Automation oder Kybernetik, sondern der Gesellschaftsmoral.)
Der zweite Einwand müßte jetzt eigentlich aus der Ecke der Kulturphilosophen kommen; Soeben, beim Vorstellen des Flußdiagramms, habt ihr den Menschen praktisch mit der Maschine gleichgesetzt. Was habt ihr euch dabei eigentlich gedacht?
Ja nun - wir haben uns gedacht, daß Menschen eben auch bloß Maschinen sind. Und mit dieser Ansicht befinden wir uns in der erlesenen Gesellschaft mehrerer vorzüglicher Wissenschaftler.
Ross Ashby zum Beispiel, der englische Biologe, hält schlichtweg alles für Automaten: Die Bohrmaschine, den Ameisenhaufen, den Menschen. Sich selbst auch. Er nennt drum die Kybernetik eine "Theorie der Automaten". Norbert Wiener, der in diesem Buch schon mehrfach erwähnte Pflegevater der Kybernetik, sah keine großen Unterschiede zwischen automatischen Maschinen und dem automatischen Verhalten von Lebewesen; er wollte nur noch zwischen organischen und unorganischen Automaten unterschieden wissen.

Kybernetik - Ist der Mensch ein Automat?

Freilich dürfte man, so sagen die Wissenschaftler, bei der Vorstellung "Automat" nicht gerade an einen Zigarettenautomaten denken. Das sei dann doch zu primitiv.
Na gut, sagen Sie nun, großzügig, wie Sie sind. Ein Automat muß es ja vielleicht nicht gerade sein. Tut's nicht auch der Begriff "Maschine"?
Ja, das ist den Wissenschaftlern auch recht. Viele reihen den Menschen - wie alle Lebewesen - schlicht in die Gattung der Maschinen ein.
Na prima, sagen Sie, vielleicht ein bißchen Humor der Verzweiflung in der Stimme - wenn niemand von Ihnen verlangt, daß Sie geradezu als determinierte Maschine auftreten, deren Handlungen genau berechenbar sind, sondern wenn man Ihnen den Status einer stochastischen Maschine mit viel Willensfreiheit und individuellen Zügen zuerkennt...
Bitte entschuldigen Sie vielmals, es ist uns entsetzlich peinlich, Ihnen sagen zu müssen; Viele Gelehrte gönnen Ihnen auch die Stochastik nicht. Sie beweisen mit mathematisch kaum angreifbaren Methoden, daß der Mensch nur sehr begrenzt stochastisch handeln könne. Eine vollstochastische Maschine sei er mit Sicherheit nicht. Meist - so sagen zum Beispiel die Psychologen - hat der Mensch Motive für sein Handeln, die seine Willensfreiheit auf einen engen Bereich einschränken. Motive, die er selbst so gut wie nie kennt und die er deshalb nicht aus freien Stücken zu ändern vermag. Dazu gehören Tabus, Triebe, gerichtete Intuitionen genauso wie Vorurteile und vererbte Charakterzüge.
Der Philosoph Schopenhauer, freilich ein ganz hartgesottener Skeptiker, sagt in einem brillant formulierten Satz, warum er beim Thema Willensfreiheit an alles andere als an Freiheit denkt: "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber kann nicht wollen, was er will."
Gute Psychologen wissen sehr wohl um die Berechenbarkeit der menschlichen Seele (gute Ehemänner auch), und in Amerika - vor allem am Massachusetts Institute of Technology (dem traditionellen Zentrum kybernetischer Forschung in den USA) und an der Yale-Universität - macht man sich ein Hobby daraus, den Computern künstliche Menschen einzuprogrammieren. Da werden Alter und Beruf, Religion und Erziehung, Vorlieben und Abneigungen, schöne Erlebnisse und schlechte Erfahrungen erdacht und zu künstlichen Menschenbildern geformt. Diese Elektronen-Leutchen konfrontiert man dann mit neuen Erlebnissen und studiert, wie sie reagieren. An der Yale-Universität hat man auf diese Weise ein ganzes Dorf mit 500 Einwohnern zustande gebracht, in dem man Wahlversammlungen und Diskussionsabende abhält. Und schrecklicherweise reagieren die künstlichen Menschen im Computer durchaus nicht anders als ihre nicht elektronisch programmierten Genossen in freier Wildbahn.
Willensfreiheit, so erklärt brutal Herr Anschütz, könne ja auch ein subjektives Erlebnis des Menschen sein, während er sich im Grunde völlig determiniert verhalte; eine Sinnestäuschung, gewissermaßen.
Ist der Mensch also ein Automat? Ja oder nein? Wenn ja, so mußte sich sein Gehirn eindeutig und restlos durch Zustandsmatrizen beschreiben lassen. Wenn nein, so müßte bewiesen werden, daß es menschliche Verhaltensweisen gibt, die durch keine solche Automatentafel darstellbar sind.
Dummerweise ist zunächst nach keiner Richtung hin ein Beweis möglich. Des Menschen Gehirn gilt noch als viel zu kompliziert, als daß man es auf diese Weise untersuchen könnte. Man wird uns also noch einige Zeit darüber im unklaren lassen, ob wir Automaten sind oder nicht.
Ha! Werden Sie, lieber logisch geschulter, mitdenkender Leser, jetzt grimmig ausrufen. Einen Beweis gibt's ja! Wenn der Mensch nämlich ein Automat ist, so gilt umgekehrt, daß ein Automat alles können muß, was ein Mensch kann. Stimmt's?
Stimmt.
Na prima. Und jetzt, bitteschön, eine ehrliche Antwort: Kann ein Automat denken?
Gut gefragt, lieber Leser. Da haben wir ein ausgezeichnetes Thema für unser nächstes und letztes Kapitel: Kann eine Maschine denken?
Allerdings - wenn Sie sich von der Antwort auf diese Frage den triumphalen Beweis versprechen, daß Sie doch kein Automat sind, dann sind wir nicht sicher, ob Sie an den nächsten paar Seiten allzuviel Freude haben werden.

Kybernetik - Who is who?

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